Der Genius der Erde

Seit der Zeit, als die Menschen vor fast zehntausend Jahren die ersten geschlossenen Siedlungen errichteten, war die Lehmerde, entsprechend den geschichtlichen und volkstümlichen Traditionen, einer der ersten Baustoffe, die auf unserem Planeten verwendet wurden und ist es bis in unsere Zeit geblieben.

Denn mehr als ein Drittel der Erdbevölkerung lebt heute noch in Lehmbauten. Schon in der Antike machte man in Mesopotamien und im Ägypten der Pharaonen reichen Gebrauch von diesem Material. In Europa, in Afrika und im Mittleren Osten bauten die Römer und später die Moslems mit Lehm; in Asien verwendeten ihn die Indus-Völker, die buddhistischen Mönche oder die chinesischen Kaiser, die Indianer im Süden Nordamerikas, die Toltken und Azteken in Mexiko und die Mochica in den Anden.

Nach der Eroberung Süd- und Mittelamerikas durch die Spanier verschmolzen die europäischen Techniken der Erdbauweise mit den einheimischen Traditionen. Während in Afrika die Meisterschaft darin von so verschiedenen Kulturen erreicht wird wie den Berbern, den Dogen-Stämmen, den Aschantis, den Bamileken, den Haussa, den Völkern in den Königreichen von Ife und Dahomey und den Kaiserreichen von Ghana und Mali. Verschiedene Kulturen haben ganze Städte in Lehmbauweise errichtet, von denen auf der Welt nur einige archäologische Zeugnisse erhalten geblieben sind:

Jericho, das vor rund zehntausend Jahren erbaut wurde, Catal Hüyük in der Türkei, Harappa und Mohenjo-Daro in Pakistan, Marrakesch in Marokko, Sana in Jemen, die alte Städte Timbuktu und Jénné im heutigen Mali, Achet-Aton in Ägypten, Chan Chan in Peru, das berühmte Babylon im Irak, Medina Azzahra in der Nähe von Cordoba in Spanien, Khirokifia auf Kreta. Auf den antiken Fundamenten sind bisweilen neue Städte errichtet worden, in denen die Erdbauweise beibehalten wurde; ein Beispiel dafür ist Lugdunum, die Hauptstadt des römischen Gallien, aus der sich Lyon, die drittgrößte Stadt Frankreichs entwickelte.

Viele der während der spanischen Eroberung in Amerika entstandenen Städte bezeugen noch heute die Verwendung der Lehmbauweise, wie zum Beispiel Santa Fe, die Hauptstadt des Staates New Mexico in den USA. Lehmdörfer existieren in den Vereinigten Staaten, und vor allem zu Tausenden in ganz Europa: in den trockenen Regionen Spaniens und Italiens ebenso wie in den regenreichen und kühleren Gebieten von England, Deutschland, Dänemark und Schweden. In Frankreich, wo mindestens fünfzehn Prozent der ländlichen Bausubstanz diese Tradition noch aufweist. In der Tat baute man mit der Lehmerde im 7.Jahrhundert vor Christus den berühmten Turm von Babel, dessen sieben Stockwerke die Höhe von neunzig Metern erreichten. Der erste Wolkenkratzer der Menschheit bestand aus Lehmerde! Dieser Turm hat den sozialen Katastrophen, deren Symbol er ist, nicht standgehalten. Doch zeugt die berühmte Chinesische Mauer, die, wie bekannt, am Anfang des 3.Jahrhunderts vor Christus in langen Abschnitten aus Lehmerde errichtet wurde, noch heute mit vielen anderen Denkmälern, von der Festigkeit dieses Materials...............

Auszüge aus dem historischen Vortrag Jean Dethier´s 1981 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung:

"Am Anfang war die Erde"

Centre George Pompidou, Paris 1981
Deutsches Architekturmuseum Frankfurt/Main 1982

Der gesamte Vortrag ist nachzulesen unter:
www.kapelle-versoehnung.de







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